Der EU-Emissionshandel (ETS) hat ein spannendes Jahr hinter sich. Während die Gaspreise (TTF) im letzten Jahr fast um die Hälfte eingebrochen sind, zeigte sich der CO₂-Preis unbeeindruckt und legte sogar um rund 20 Prozent zu.
Normalerweise laufen diese beiden Preise Hand in Hand. Warum das aktuell anders ist und warum wir trotz einer schwächelnden Konjunktur mit stabilen oder gar steigenden Preisen rechnen, erfährst du in dieser Analyse.
Die Nachfrageseite: Industrie und Verkehr holen auf
Bisher waren vor allem Kraftwerke die großen Treiber am CO₂-Markt. Doch das Bild wandelt sich:
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Industrielle Erholung: Trotz eines dämpfenden Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe deutet vieles auf eine Besserung hin. Die Lockerung der Geldpolitik und gezielte Impulse (besonders in Deutschland) dürften die Produktion im Jahresverlauf ankurbeln – und damit den Hunger der Industrie nach Emissionsrechten.
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Neue Player an Bord: Seit diesem Jahr werden der Seeverkehr und der innereuropäische Luftverkehr voll erfasst. Reedereien und Fluggesellschaften müssen sich nun verstärkt mit Zertifikaten eindecken, was eine neue, dauerhafte Nachfragequelle schafft.
Die Rolle der Versorger: Trendwende ab 2026?
Interessanterweise stiegen die Emissionen im Stromsektor 2025 noch einmal leicht um etwa 1 Prozent an, weil die Erneuerbaren Energien wetterbedingt eine kleine Pause einlegten. Doch das dürfte ein Ausreißer bleiben:
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Ausbau der Erneuerbaren: Der massive Kapazitätsausbau wird fossile Brennstoffe weiter verdrängen.
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Fuel Switching: Weil Gas deutlich günstiger geworden ist, lohnt es sich für Versorger, von schmutziger Kohle auf emissionsärmeres Gas umzustellen. Das senkt zwar den Bedarf an Zertifikaten bei den Versorgern, wird aber durch die neue industrielle Nachfrage kompensiert.
Das Angebot: Der eigentliche Preistreiber
Der wichtigste Grund für die Preisstärke liegt jedoch auf der Angebotsseite. BloombergNEF schätzt, dass das Angebot an Emissionsrechten in diesem Jahr um gut 20 Prozent sinken wird. Zwei Faktoren sind hier entscheidend:
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Strengere Benchmarks: Ab 2026 gelten neue, schärfere Regeln für die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten. Da die Industrie effizienter geworden ist, gibt der Staat weniger Gratis-Rechte aus.
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Ende der "Sonderangebote": Die vorgezogenen Auktionen zur Finanzierung des REPowerEU-Plans laufen aus. Damit versiegt eine zusätzliche Angebotsquelle, die den Markt zuvor unter Druck gesetzt hatte.
Langfristiger Ausblick: CBAM als Gamechanger
Ein entscheidendes Puzzleteil für die Zukunft ist der Grenzausgleichsmechanismus (CBAM). Für Branchen wie Stahl oder Aluminium werden die kostenlosen Zuteilungen ab diesem Jahr bis 2034 schrittweise abgeschafft.
Die Folge: Unternehmen müssen ihre Zertifikate künftig komplett am Markt kaufen. Was die Versorger durch den Kohleausstieg weniger verbrauchen, müssen die Industriebetriebe zusätzlich erwerben (Hedging-Bedarf).
Fazit: Kurs Nord bleibt intakt
Zwar könnten schwache Konjunkturdaten kurzfristig für Rücksetzer sorgen, doch das fundamentale Gerüst steht: Ein sinkendes Angebot trifft auf eine breitere Nachfragebasis. Wir gehen davon aus, dass der CO₂-Preis sein hohes Niveau verteidigen wird und spätestens im kommenden Jahr den nächsten Aufwärtsschub erfährt.