Kann Europa Chinas Offshore-Express noch einholen?
Die nackten Zahlen: Ein Kontinent im Rückspiegel
Wenn man die Daten des DLR-Forschers Thorsten Höser analysiert, wird die Geschwindigkeit des chinesischen Ausbaus fast schwindelerregend. Von den weltweit 15.100 Offshore-Anlagen stehen 7.676 in China.
Besonders bitter für die EU: Im Jahr 2021 lag der Anteil Chinas noch bei 39 % – heute sind es 51 %. In nur vier Jahren hat China seine Kapazität nahezu verdreifacht, während die EU im gleichen Zeitraum lediglich um 50 % zulegen konnte. Der „Wendepunkt 2021“ markiert das Jahr, in dem China 77 % aller weltweit neu errichteten Turbinen installierte. Europa (5 %) und Großbritannien (10 %) wurden förmlich stehen gelassen.
Dänemark als Hoffnungsträger: Die Rückkehr der „Differenzverträge“
Inmitten dieser Dominanz aus Fernost setzt Dänemark nun ein deutliches Ausrufezeichen. Mit einer neuen Ausschreibung über 2,8 Gigawatt (GW) geht das Land in die Offensive. Der Clou: Dänemark nutzt das Prinzip der Contracts for Difference (CfD) – zu Deutsch: zweiseitige Differenzverträge.
Warum ist das wichtig? Nachdem die Ausschreibungen im Jahr 2024 teilweise erfolglos blieben, weil die Risiken für Investoren zu hoch waren, bieten CfDs nun Sicherheit:
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Liegt der Marktpreis für Strom unter dem vereinbarten Preis, zahlt der Staat die Differenz.
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Liegt der Marktpreis darüber, fließen die Übergewinne zurück an den Staat.
Dieses Modell minimiert das finanzielle Risiko und sorgt dafür, dass Großprojekte wie „North Sea Mid“ oder „Hesselø“ (insgesamt mindestens 2,8 GW) bis 2032 ans Netz gehen können. Dänemark, das bereits heute die Hälfte seines Stroms aus Windkraft bezieht, untermauert damit seinen Status als „Windkraft-Labor“ Europas.
Das Hardware-Dilemma: Abhängigkeit trotz Ausbau
Der Vorsprung Chinas ist nicht nur eine Frage der installierten Masten. Er ist eine Frage der Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette. Wie wir bereits bei den kritischen Rohstoffen gesehen haben, kontrolliert China etwa 90 % der Seltenen Erden, die für die Permanentmagnete moderner Offshore-Turbinen (wie die gewaltigen 15-MW-Klasse-Anlagen) benötigt werden.
Während europäische Hersteller wie Siemens Gamesa oder Vestas mit steigenden Kosten für Gallium und Lithium kämpfen, profitiert China von massiven staatlichen Subventionen und einer geschlossenen heimischen Lieferkette.
Qualität und Systemintelligenz als europäischer Weg
Wir werden China beim reinen „Zahlen-Lotto“ der Turbinen kurzfristig nicht schlagen. Aber Europa hat zwei Trümpfe:
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Systemintegration: Projekte wie die dänischen Energieinseln zeigen, wie man Windkraft mit Power-to-X und Speichern koppelt.
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Standards: Wie auf der Tagung „Zukünftige Stromnetze“ diskutiert, liegt die Stärke Europas in der intelligenten Vernetzung – Stichwort: DC-gekoppelte Co-Location.
Dänemarks 2,8-GW-Vorstoß ist der notwendige Treibstoff, um die europäische Windindustrie am Leben zu erhalten. Doch ohne einen entschlossenen Schutz der heimischen Produktion und den Aufbau eigener Rohstoff-Raffinerien riskieren wir, dass der Wind von morgen zwar in der Nordsee weht, die Ernte aber technologisch und finanziell in Peking eingefahren wird.
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